„wachsen zu dem hin, der das Haupt ist, Christus“ - Predigt zu Epheser 4, 11–15(16) von Henning Kiene

Im März auf dem Laufband in einem Fitnessstudio. Zwei junge Männer joggen nebeneinander. Die beiden beginnen ein Gespräch. Plötzlich sagt einer: „Ich faste gerade“, der andere antwortet: „Ich faste auch“, „dann bist Du Christ“, sagt der erste, „was, Du auch?“, „Klar doch“, „ich gehöre zu ihm.“ Er meint Jesus Christus. Die beiden klatschen gegenseitig in die Hände. Sie reden über ihren Glauben und ihr Leben. Das Gespräch klingt entspannt und manchmal dringen Gesprächsfetzen durch den Lärm und erreichen die anderen Gäste. Später hilft der eine dem anderen, hievt ihm die Gewichte auf die Geräte.

Pfingsten im Fitnessstudio. Der Geist legt Hand an, gestaltet das Geschehen. Niemand rechnet hier mit ihm, doch dieses „wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus“ läuft auf dem Laufband gerne mit. Es ist überraschend, aber hier liegt an einem fremd wirkenden Ort eine Ahnung von Jesus Christus in der Luft, man möchte solche Orte vermehren.

 

Seit ihrer Taufe besitzt sie eine filigran gearbeitete Silberkette. Ein kleines Kreuz ziert den Schmuck. Anfang Mai erinnerte sie sich an das Kreuz. Lange hatte sie es nicht mehr getragen. Nun legt sie die Kette mit dem kleinen Kreuz wieder um. Warum ihr das plötzlich wichtig ist? Sie weiß es nicht genau. Aber die Diskussion um die Kreuze in öffentlichen Gebäuden hat sie verfolgt. Eine Kollegin sieht den Schmuck, ist überrascht. „Das Kreuz will ich nicht den anderen überlassen“, antwortet sie. „Ich bin getauft, das ist persönlich und für mich wichtig.“ Die Kolleginnen und Kollegen sitzen in der Kantine, sie reden über das Kreuz und sprechen über ihren Glauben. Mit dem kleinen Bekenntnis wird eine Schicht im Leben angerührt, in der viele Gespräche eine neue Tiefe gewinnen.

Pfingsten im Betriebsrestaurant. Der Geist legt Hand an, lenkt das Gespräch. Dieses „wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus“ wird von einem kleinen Kreuz an einer Silberkette zitiert. Ein Schmuckstück verändert sie Stimmung, in der sonst gearbeitet wird. Es wirkt so, als hätte das Kreuz die Atmosphäre verändert. Man spricht plötzlich noch persönlicher als vorher.

 

„Immer wieder Jerusalem“, das Entsetzen ist groß. Die Toten und Verwundeten der vergangenen Woche belasten nicht nur den großen Frieden, sie rühren an den Seelenfrieden. Pfingstfest 2018, geht das in dieser Kulisse? Es ist entsetzlich, dass das erste Zuhause von Pfingsten, Jerusalem, hinter schwarzen Rauchschwaden verschwindet. Diese Realität ruiniert den Versuch. Dabei heißt der Herzschlag aller Religionen, die in Jerusalem beheimatet sind, Frieden, der Rhythmus stolpert.

Pfingsten 2018 weckt die Sehnsucht nach Frieden. Diese Sehnsucht ist stärker, als viele streitende Menschen es gerne hätten. Pfingsten überbietet ohnmächtiges Seufzen. Die Klage über eine geistlose Welt stirbt mit Pfingsten.

Der Geist legt Hand an, öffnet einer Sehnsucht den Raum an, in dem Frieden wächst. Christinnen und Christen sind von der Sehnsucht nach Frieden getrieben, denn sie „wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus“. Dieses Wachstum ist die Mitgift der Kirchen an die Welt, die es wiederum der Familie der Religionen anbietet.

Die Sehnsucht nach mehr Pfingsten beschreibt den Kern des Pfingstfestes. Die Choräle, die in diesen beiden Tagen gesungen werden, sind zu allererst Bittlieder, die den Heiligen Geist herbeiflehen. Die Sehnsucht liegt in Jerusalem in der Luft, sie reicht über die Kontinente hinweg, geht von Korea nach Washington, bis sie in die letzte Nische der Seele eindringt. Es ist damit zu rechnen, dass selbst Gewaltmenschen solchen Geist erleben möchten. Auch denen, die sie sich mit allen Mitteln wehren, kann man einen Rest Sehnsucht nach einer Welt ohne Konflikt unterstellen.

 

Pfingsten ist das Fest der wachstumsfördernden Atmosphären. Der Geist legt Hand an das Greifbare. Selbst die eingeübten Routinen lädt er mit neuem Inhalt auf. Das Laufband im Fitnessstudio hält das Tempo, aber die Läufer spüren, dass die Kraftreserven, die sie hier stärken, aus externen Quellen zu ihnen kommen. Mittags sitzt der Geist mit am Tisch in der Kantine. Körperlich satt werden ist hier sichergestellt. Für die geistliche Stärkung greift der Mensch auf Kraftfelder zu, die unscheinbar sind, wie ein kleines Kreuz, dass jemand um den Hals trägt.

 

Es sind nicht die Wurzeln einer knorrigen Eiche, die Christinnen und Christen zu Pfingsten mit Nahrung versorgen. Pfingsten gleichen wir den Luftwurzelern, den Orchideen, die versorgen ihre glänzenden Blätter und pastellfarbenen Blüten über Wurzeln, die wie Antennen in die Luft ragen. Wir leben von dem Atmosphärischen, das uns umgibt. Pfingsten wählt die Orte und die Mittel sorgsam aus und füllt sie mit dem aus, was wir zum Wachsen brauchen. Da, wo wir leben und arbeiten, sorgt es für eine Luft, in der wir atmen können und Kräfte gewinnen. Er sorgt dafür, dass wir genau dann Kraft aufbauen, wenn wir matt werden. Er hilft der Phantasie auf die Beine, legt Worte bereit, weist auf Christus, Es geht um eine gesättigte Atmosphäre, in der man – obwohl alle genug haben - keinen Hunger schieben muss.

Immer wenn solche Wachstumsstoffe uns erreichen, hat der Heilige Geist Hand angelegt. Er füllt die ungewöhnlichsten Orte aus und erreicht besondere Menschen. Geist sorgt dafür, dass wir über die Kräfte, die uns fehlen könnten, wirklich verfügen. Denn er macht es, dass wir „wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus“.