Mit dem Navi den Siegeskranz finden – Predigt zu 1. Petrus 5,1-4 von Jens Junginger

„Welche Adresse gebe ich in das Navi ein“ fragte mich kürzlich eine auswärtige Redakteurin, „wenn ich zur Stadtkirche kommen will?“ Ich musste Ihr zur Antwort geben: „Man kann nicht direkt hinfahren geschweige denn parken! Die Kirche liegt in der Fußgängerzone. Für Nichtortsansässige, für Leute, die von weiter herkommen oder mit Kirche nicht vertraut sind, ist das schwierig.“

Um zu Kirche zu gelangen bräuchte es eine konkrete Wegbeschreibung. Und noch mehr: Es bräuchte eine nähere Beschreibung was ich dort antreffe. Man könnte auch sagen. Man müsste dem religiös und kirchlich Unmusikalischen sagen: Was ihm oder ihr dort geboten oder angeboten wird.

 

Was gebe ich in das Navi ein, wenn ich zur Kirche will? Das ist in der Tat eine sehr viel tiefergehende und weitreichendere Frage, als man zunächst denkt. Vor allem, wenn man sich in den Standpunkt dessen hineinversetzt, der null Ahnung hat, was Kirche ist oder sein könnte. Allenfalls vielleicht, dass es ein Gebäude ist.

 

Es lohnt sich diese Perspektive der Ahnungslosigkeit, des Nichtwissens oder der Unberührtheit einzunehmen. Sie ist viel realer und normaler, als wir uns (auch im Südwesten Deutschlands) eingestehen. Den Hauch einer Ahnung wie es tatsächlich ist, bekommt man in größeren Innenstädten, im Osten Deutschlands, in der Schweiz oder in Berufsschulklassen! Kirche? Was ist das für ein Verein? Worum geht’s da? Wo kommen die her? Warum gibt’s die? Wie ticken die Leute, die da drin sind? Und was treibt die um, die diesen Verein leiten, der über so besondere Gebäude verfügt?

Eine wichtige, eine berechtigte, eine gute Frage für die Kirche, die auf eine zweitausendjährige Geschichte zurückblickt und – zumindest in Deutschland und Europa – im dritten Jahrtausend ihres Bestehens dramatisch an Bindung, an Bedeutung, an Überzeugungs- und an Anziehungskraft verliert.

Bereits in der dritten christlichen Generation machte sich einer seine Gedanken über den Zustand einiger kleiner Gemeinden in Kleinasien, vor allem über die Haltung und die Art und Weise ihrer Leitung. Er gab sich den nach einer prominenten Autorität klingenden Namen „Petrus“ und wandte sich mit einigen Überlegungen und Anregungen in einem Schreiben an die Gemeindeleitungen. Er schrieb an die Auserwählten, verstreut in der Fremde, im Gebiet der heutigen Türkei:

in Pontus, Galatien, Kappadozien, in der Provinz Asien und in Bithynien:

(Ich lese aus dem 1. Petrusbrief Kapitel 5 die Verse 1-4 nach der Übersetzung der Basisbibel)

 

Auch ich bin ja Gemeindeältester und Zeuge für die Leiden von Christus. Als solcher habe ich ebenso Anteil an der Herrlichkeit, die bald offenbar werden wird.

 

Deshalb bitte ich euch eindringlich:

Leitet die euch anvertraute Gemeinde Gottes wie ein Hirte seine Herde. Kümmert euch um sie, nicht weil ihr euch dazu gezwungen seht, sondern freiwillig – so wie es Gott gefällt. Handelt dabei nicht aus Gewinnsucht, sondern aus Hingabe. Spielt euch nicht als Herrscher auf in eurem Verantwortungsbereich, sondern seid ein Vorbild für die Herde. Wenn dann der oberste Hirte erscheint, werdet ihr den unvergänglichen Siegeskranz empfangen, der in der Herrlichkeit besteht. Genauso gilt für euch Jüngere: Ordnet euch den Gemeindeältesten unter. Und für euch alle: Euer Umgang miteinander soll von Demut gekennzeichnet sein. Denn: »Den Überheblichen stellt sich Gott entgegen, aber den Demütigen schenkt er seine Gnade

Ein leicht erhobener Zeigefinger ist nicht zu überhören. Gehen wir also davon aus, der Verfasser dieses Schreibens hatte manches gehört oder erlebt, was ihn veranlasst hat seine Impulse und Empfehlungen so zu formulieren. Ich fasse die von ihm empfohlenen Eigenschaften und Merkmale für eine verantwortlich geführte Gemeinde zusammen. Wenn man die in einem Navi eingeben könnte, müsste man – genau genommen – bei jenen Leitungen von Kirche bzw. Kirchengemeinden herauskommen wo man Folgendes antrifft

Hingebungsvolle, ehrenamtliche Kümmerer. Selbstlos bescheiden und freiwillig sorgen sie sich wie gute Hirten/innen um Menschen, vornehmlich um die Verlorenen, Vergessenen. Demütig, ohne jegliches Machtgehabe und finanzielles Eigeninteressen gehen sie miteinander um. Das zeichnet ihre vorbildliche Art und Kunst der Gemeindeleitung aus. So wie es Gott gefällt.

Mag sein: Der Vergleich zwischen den Gemeindeleitungen damals und der Gemeinde- und Kirchenleitung heute hinkt. Damals waren es kleine, gefährdete, freiwillige Bekenntnisgemeinden. Heute haben wir es in vielen Teilen des Landes (Südwesten) mit immer noch gut situierten, staatlich legitimierten, privilegierten Großorganisationen zu tun – auch vor Ort.

Kann man an beide die gleichen Maßstäbe anlegen und die gleichen Ansprüche stellen? Gerade weil es so unterschiedliche Gegebenheiten und Zeiten sind, ist es spannend zu überprüfen: Skizziert der Briefschreiber treffende, zeitgemäße, erstrebenswerte oder kritisch zu beurteilende Kriterien? Oder: Müsste man sie gar wieder ernster nehmen und mehr beherzigen?

Höchst empfindlich und äußerst kritisch wird heute wahrgenommen, wenn aus kirchlichen Schatzkammern oder durch das Gebaren der Amtsträger ein Hauch von Luxus oder gar der Gestank von Gewinnsucht hervortrinkt. Wenn sich der Verdacht auftut, da werden Schätze gesammelt aber nicht verteilt. Predigen und eigenes Handeln fallen auseinander. Schwer vermittelbar ist aber auch, dass die Kirche höhere Steuereinnahmen verbucht und zugleich einen Pfarrplan einführt um Stellen einsparen.

Und ist es denn gerechtfertigt, dass die Kirchen erzieherische, soziale und pflegende Dienstleistungen erbringen, dafür vom Steuerzahler Geld bekommen. Dass sie damit zugleich ihre kirchlichen religiösen Eigeninteressen verfolgen können?

Christliche Gemeinden und ihre Leitungen standen damals in Kleinasien unter kritischer Beobachtung und sie stehen es heute wieder. Und zwar deutlich mehr als noch vor ein paar Jahrzehnten. Doch das gesellschaftliche Umfeld der Gemeinden, an die sich das Schreiben richtete, stand nicht nur unter kritischer, sondern auch feindseliger Beobachtung. So wie es heute aus manchen arabischen Ländern berichtet wird.

Christen und besonders die Verantwortlichen hatten mit Repressionen und Unannehmlichkeiten zu rechnen. Sie waren aufgrund ihres ethisch- sozialen Selbstverständnisses und Umgangs miteinander so etwas wie „religiös und soziale Fremdlinge“2.

 

Und davon klingt ja im Schreiben dieses Petrusbriefes etwas an: Der Verfasser unterstützt eben diese Haltung ausdrücklich, wenn er hingebungsvolle, ehrenamtliche Kümmerer erwartet, die sich selbstlos, bescheiden und freiwillig wie gute Hirten/innen um Menschen sorgen.

 

Die Erfahrung und alle Umfragen zeigen: Bei der Eingabe eben solcher Stichwörter würde das Navi auch heute Menschen zu den kirchlichen Stellen und ihren Verantwortungsträger führen und leiten. Auch bei der Eingabe des Stichworts „Demut“ würde das Navi in Richtung Kirche weisen. Demut, das wurde dort über lange Zeit gepredigt, erwartet. Und! Kirchen fordern mehr Demut von anderen ein und dies durchaus immer wieder zu Recht. Man trifft aber mitunter in kirchlichen Zusammenhängen auch auf eine geheuchelte Demut und damit auf ein Glaubwürdigkeitsproblem.  In einer vordergründig demütig erscheinenden Haltung lächelnd aber knallhart hinten herum Interessen durchsetzen, das hat mit Demut wenig zu tun. Und wenn Stellen gestrichen werden, Gemeinden zusammengelegt werden sollen und Gebäude zur Disposition stehen, da will doch keiner demütig zugunsten anderer verzichten.

Demut ist dennoch geboten, nach wie vor – auch wenn das Wort verstaubt klingt. Demut der Leitungsverantwortlichen ist geboten, anders wie damals in den jungen kleinasiatischen Gemeinden. Nicht von Seiten der Jüngeren gegenüber den Leitenden. Sondern umgekehrt!

Die Jüngeren repräsentieren Gegenwart und der Zukunft. Sie geben zu verstehen, was sie jetzt, heute unmittelbar angeht. Darauf gilt es aus der Perspektive der Leitenden zu achten, genau hinzuhören, den Anschluss nicht noch mehr zu verlieren. Demut ist geboten, gegenüber Heranwachsenden, was Ihnen mitgegeben werden kann. Wofür es sich zu leben lohnt – außer für den beruflichen und materiellen Erfolg.

Demut ist geboten, vor den Fragen und Anfragen von Menschen überhaupt, an Kirche, Bibel, Glaube, Religion. Sie fragen nach dem Sinn, nach Plausibilität. Sie sollen Offenheit erleben und Bereitschaft, dass sie Antworten erhalten, Erklärungen und authentische Überzeugungen.

Demut ist geboten – für alle Verantwortlichen auf den unteren und oberen kirchenleitenden Ebenen, gerade bei der Glaubensbildung selbst glaubwürdig zu bleiben, offen, überzeugend und aufrecht.

Ich bin überzeugt, man muss sich gerade als christliche Kirche und Gemeinden auch immer wieder den Spiegel vorhalten lassen und sich im Sinne des Briefverfassers fragen lassen: Kirche „Wo bist du?“3 Gemeinde und ihr, die ihr sie leitet „Was macht ihr?“ „Wie und woran erkenne ich euch, außer an euren Gebäuden?“ „Wie find ich euch?“ „

Man wird sich sagen lassen müssen: “Wie werde wir wahrgenommen? Welche Impulse werden erwartet? „Welche setzt ihr oder eben nicht?“ „Wo sind wir unbequem – aus gutem Grund und wo zu seicht und viel zu profillos?

Und von Zeit zu Zeit wird man zu überprüfen haben: Wie passt die eigene Haltung, das eigene Gebaren und Verhalten zu jenem Oberhirten, auf den wir uns gründen und den wir verkünden? Der blieb sich treu als entschiedener und sorgsamer Kümmerer. Er blieb sich treu, im Leiden, bis zur letzten Konsequenz, um der Menschen willen. Er trug das Risiko. Für sich selbst. Und für die Ungewissheit, ob sein Wirken weiter als bis zu seinem Tod reichen würde.

„Der Hirte wurde zum Lamm und das Lamm wieder zum Hirten“. Was für ein Wechsel! Verwunderlich, geheimnisvoll, aber entscheidend! 4

Er hat etwas ausgelöst, eine Bewegung ins Rollen gebracht, Menschen in seine Nachfolge gerufen, die - als christliche Gemeinden – wie es der Briefschreiber ausrückt,  den unvergänglichen Siegeskranz empfangen sollen.

 

Es war nicht der Siegeskranz des Kaiser Konstantin gemeint, mit dem die christliche Religion dann staatlich etablierte und Privilegien bekam. Privilegien, die uns heute eine vermeintliche Sicherheit und Akzeptanz der von Kirche vermitteln. Privilegien, die uns von der Wirklichkeit entfernt haben.   

Der Siegeskranz, den die Gemeinde und Kirchenleitungen heute zeigen dürfen und sollen, der wird - im Gegensatz zum kaiserlichen Lorbeerkranz – an Leitlinien erkennbar, die sich im 3ten Jahrtausend an die aus der Zeit der dritten christlichen Generation anlehnen. Sie sind immer noch relevant. Sie lauten:  Kümmern, Demütiges Orientieren, was die Jungen umtreibt, was sie prägen möge, auch im Blick auf die Zukunft, Hingabe um der Menschen und der Menschlichkeit willen Klarer Wille Verantwortung zu übernehmen, auch für die Bildung des Glaubens Bereitschaft, da wo es gilt, auch gesellschaftlich Vorreiter zu sein.

Mit diesen Eingaben wir das Navi hoffentlich den Weg zur Kirche finden und damit zum Ziel.

 

Amen

 

1 Ich danke den inspirierenden Ausführungen und zum Gedanken der „Navigation“ von OKRin DR. Christina-Maria Bammel, in den GPM 1/2018, S.243-252

2 aaO, S 246

3 Vgl. Christian Nürnberger, Kirche wo bist Du, München 2000.

4 aaO S.250