Ist Heilung möglich?- Predigt zu Markus 9,14-27 von Norbert Stahl

Liebe Gemeinde,

ein Satz aus dieser Heilungsgeschichte treibt mich besonders um. Die steile Aussage Jesu: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ – Ist das wirklich so einfach?

In den Sommerferien besuchten meine Frau und ich in der Nähe von Frankfurt unsere Freundin Sabine. Sie betreibt dort seit einigen Jahren ein christliches Café. Wir hatten uns länger nicht gesehen. So gab es einiges Neues zu berichten. Kaum hatten meine Frau und ich an einem der kleinen Tische Platz genommen und unsere Bestellung aufgegeben, da setzte sich Sabine auch schon zu uns. Sogleich begann sie übersprudelnd zu erzählen. Früher gehörte sie einmal zur Landeskirche. Vor kurzem, so berichtete sie nun, hatte sie sich einer freien Gemeinde angeschlossen. Einer mit stark charismatischer Prägung, in der Heilungsgottesdienste eine wichtige Rolle spielen. Sabine erzählte begeistert von den Gottesdiensten. Beinahe jeden beinahe Sonntag gäbe es die. Sie selbst sei von einem Schulterleiden befreit worden. Jemand anderes von einer schweren Organerkrankung usw. Es sei eigentlich alles ganz einfach, man müsse die Bibel nur beim Wort nehmen. Wirklich beim Wort nehmen. Insbesondere die Stellen, die von Heilung sprechen und dann diese Stellen und Verheißungen ganz für sich in Anspruch nehmen, so als sei die Heilung im Grunde schon passiert – oder so ähnlich. Jedenfalls würden erstaunliche Dinge in dieser Gemeinde passieren. Es sprudelte dermaßen aus Sabine heraus, dass meine Frau und ich zunächst kaum dazwischenkamen. Nur nach und nach gelang es uns. Ich erzählte Sabine die Geschichte von Matthias.

Ich lernte ihn und seine Familie in meinen Jahren auf der Ostalb kennen. Matthias hatte eine ähnliche geistliche Biographie wie Sabine. Wie sie war er lange Landeskirchler gewesen, sogar Kirchengemeinderat. Irgendwann muss ihm die Landeskirche aber zu ungeistlich geworden sein, vielleicht waren ihm auch die Ortspfarrer zu liberal gewesen. Jedenfalls beteiligte er sich an einer Gemeindeneugründung. Die sollte auf jeden Fall geistlicher und moderner sein, als jene, die er vor Ort erlebt hatte. Die Neugründung hatte schnell einigen Erfolg und guten Zuspruch. Die Gottesdienste waren voll, die neuen Lieder wurden von einer Band begleitet, vor der Predigt gab es ein Anspiel. In der Kinder- und Jugendarbeit wurde viel getan. Bis heute hat diese Gemeinde einen guten Zulauf. Dann ereignete sich das Unerwartete. Bei Matthias wurde ein schweres Krebsleiden diagnostiziert. Man kann sich vorstellen, dass in seiner neuen Gemeinde viel für ihn gebetet wurde. Dass viele Gemeindeglieder fest an seine Heilung glaubten. Trotzdem: nach langem, schwerem Leiden ist Matthias verstorben. Ein herber Schlag für alle, die ihn kannten. Was war hier passiert?! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt!

Hier war fest geglaubt und intensiv gebetet worden – und nun das! Meine Frau und ich haben noch einige Zeit mit Sabine diskutiert.

Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt – ist das wirklich so einfach? Man muss die Verheißung nur ergreifen, nur fest genug glauben, dann klappt das mit der Heilung? Eigentlich lehrt ja schon das Beispiel von Matthias etwas anderes. In seiner neuen Gemeinde war ja fest geglaubt, intensiv gebetet und alles von Gott erwartet worden. Vielleicht mehr noch, als das in seiner früheren landeskirchlichen Gemeinde der Fall gewesen wäre. Aber nicht einmal unter diesen Umständen konnte er geheilt werden.

In der Logik von Sabine müsste ich nun fragen: Hat da jemand zu wenig fest vertraut? Matthias selbst oder vielleicht sein Pastor? Oder vielleicht beide? Hat vielleicht einer von beiden zu wenig auf die eine Karte des Glaubens gesetzt? War da vielleicht doch noch ein leiser Zweifel am erhofften Ergebnis und hat es deshalb nicht funktioniert? Mir widerstreben all diese Überlegungen. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass jemand über die Heilungsgeschichte von heute Morgen gesagt hat, sie sei ein Predigttext „mit Risiken und Nebenwirkungen“.(Michael Werner in a&b 17/2017, 10-16) Ich finde das sehr treffend. Die Geschichte von der Heilung des kranken Jungen hat einerseits das Potential zu helfen. Sie kann Hoffnung spenden, sie kann dazu beitragen, dass ein kranker Mensch sich nicht aufgibt, dass sein Lebenswille gestärkt wird, dass ihn die Barmherzigkeit, mit der sich Jesus dem kranken Jungen zuwendet guttut: Auch mich lässt Jesus in meinem Leiden nicht allein. Auch mir wendet sich Jesus zu. So kann die Geschichte wirken, wie ein gutes Medikament. Aber wir wissen auch: Gerade die hochwirksamen Medikamente haben oft unerwünschte Nebenwirkungen. Manchmal sogar solche, die wiederum gefährlich werden können für den Kranken. Markus 9 – eine Heilungsgeschichte mit Risiken und Nebenwirkungen. 

Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“? Macht dieser Satz angesichts der beschriebenen Gefahren überhaupt Sinn? Der Schlüssel könnte darin liegen, dass Jesus diesen Satz gar nicht zu dem Vater des kranken Jungen sagt. Der Vater bezieht die Worte Jesu zwar gleich auf sich, aber ich glaube, darin liegt zumindest teilweise ein Missverständnis. Lesen wir noch einmal genau! Der Vater bittet Jesus:

„Wenn du etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns! Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst, wenn du kannst – alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“(9,22f)

Genau genommen spricht Jesus hier über sich selbst. Er beschreibt sich selbst als denjenigen, der wahrhaft glaubt. Also als jemand, der glaubt ohne jeden Zweifel; als einen, der sein ganzes Vertrauen ohne irgendeinen Vorbehalt in seinen himmlischen Vater setzt, der alles von ihm erhofft, erwartet, erbittet – in großer Gewissheit, auf einzigartige Weise mit Gottes Kraft verbunden zu sein. Für mich ist klar: So kann kein Mensch glauben. So hat nur Jesus geglaubt. Die Jünger beschreibt Markus immer wieder als solche, die das Wesentliche gerade nicht verstehen, die manches Mal sogar in Angst und Schrecken verfallen statt in Lob und Anbetung. Zwar werden auch von den Jüngern Wunder berichtet. Im Markusevangelium allerdings – soweit ich sehe – nur an einer einzigen Stelle, fast beiläufig. Stattdessen betont Markus immer wieder den großen Abstand zwischen Jesus und seinen Jüngern. An vielen Stellen beschreibt er ihr Unverständnis – obwohl sie doch viel näher an Jesus dran waren als alle anderen. Um wieviel mehr hätten sie es eigentlich besser wissen und besser tun können. Wunder vermochten sie allenfalls punktuell zu wirken. Keineswegs in dem Ausmaß und mit einer solchen Verlässlichkeit, wie das Jesus möglich war. Die Geschichte von der Heilung des Jungen beginnt nicht zufällig gerade mit der Diskussion über das Unvermögen der Jünger. Der Vater sagt zu Jesus:

„Meister, ich habe einen Sohn, der hat einen sprachlosen Geist. Ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, aber sie konnten’s nicht.“

Das Risiko der Geschichte von der Heilung des kranken Jungen – um noch einmal auf Risiken und Nebenwirkungen zu sprechen zu kommen – das Risiko besteht darin, genau diesen Abstand, der zwischen Jesus und uns Menschen besteht zu übersehen oder zu überspielen. Die Geschichte von heute Morgen macht sehr deutlich, dass es diesen Abstand gibt. Jenen Abstand, der auch in dem herausgeschrienen Bittruf des Vaters zum Ausdruck kommt: „Herr ich glaube, hilf meinem Unglauben!“  Über diesen Ausruf kommt kein Glaubender hinaus. Und sei er der Pastor einer charismatischen Gemeinde.

Ich glaube sehr wohl, liebe Gemeinde, dass es Sinn macht um Heilung zu beten. Ich glaube auch, dass es unter Gebet zu erstaunlichen Heilungen kommen kann. Aber wo und wann es passiert, das bleibt letzten Endes unverfügbar. Immer wieder schmerzlich unverfügbar. Kein Mensch kann von sich behaupten, Heilungen in einem solchen Ausmaß und mit einer solchen Verlässlichkeit wie Jesus selbst hinzubekommen. Das sind leicht nachvollziehbare Wünsche und Phantasien. Unheilbare chronische Leiden und lebensbedrohliche akute Erkrankungen sind schwer zu ertragen. Zu allererst für die Betroffenen, oftmals auch für ihre Angehörigen und Freunde. Es ist so verständlich, dass wir uns einen leichteren Weg wünschen. Auch einen, der uns vor langwierigen und belastenden Therapien bewahren könnte. Aber so einfach ist es nicht. „Die Jünger vermochtens nicht.“ – das ist auch unsere Erfahrung. Auch wir vermögen es nicht. Allenfalls hier und dort einmal, ohne aber sagen zu können, wieso es manchmal klappt und so oft auch nicht.

Handauflegung, Salbung und persönliches Gebet sind uns als Christen dennoch aufgegeben. Es ist schön, dass sich auch landeskirchliche Gottesdienste gibt, die Handauflegung, Salbung und persönliches Gebet beinhalten. In der Leonhardskirche in Stuttgart z.B. hat ein Team einen sensiblen Weg gefunden, all diese Dinge anzubieten. Mehrmals im Jahr. Die Gottesdienste heißen allerdings nicht Heilungsgottesdienste sondern Heilsame Gottesdienste für Leib und Seele. Das signalisiert: Mit Heilungsversprechen ist man hier vorsichtig. Vor kurzem war ich mal wieder dort. Die Lieder, die Salbung, das Handauflegen, der persönliche Zuspruch haben mir gut getan. Das Ganze hatte für mich tatsächlich etwas Heilsames. Und das ist auch etwas wert. Das ist auch hilfreich.

Und der Friede Gottes…

Amen.

 

Vorschlag zur Liturgie
Eingangslied: EG 437,1-4
Psalm 63 (EG 729)
Wochenlied: EG 346,1-3
Predigtlied: EG 369,1.2.7
Schlusslied: EG 171,1-4 oder EG 565,1.4.5