Im Spagat – Predigt zu 1. Korinther 1, 26-31 von Luise Stribrny de Estrada

Die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus

und die Liebe Gottes

und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes

sei mit euch allen.

Amen.

 

Liebe Schwestern und liebe Brüder!

 

„Ich habe mein Abitur mit 1,2 bestanden, dafür habe ich aber auch ordentlich gelernt. Jetzt stehen mir alle Möglichkeiten offen. Ich kann mich bloß noch nicht recht entscheiden: Studiere ich Medizin oder Psychologie oder doch lieber Wirtschaft? Egal, ich habe jedenfalls die besten Voraussetzungen für einen Superjob.“

“Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn“, ruft Paulus seiner Gemeinde zu.

„Ich habe mein Leben gut im Griff, bin erfolgreich im Beruf und habe zwei Kinder. Klar, das bedeutet viel Organisation, aber das kriege ich hin! Morgens um 7.30 Uhr gebe ich die Kinder im Kindergarten ab, dann schnell ins Büro, und nachmittags um vier hole ich sie wieder ab. Mein Chef ist zufrieden mit mir, und meine Kollegen schätzen mich. Geht alles, wenn man will!“

“Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn“, schreibt Paulus an die Christen in der großen Hafenstadt.

„Diesen Karrieresprung wollte ich immer schaffen: Nun hat es geklappt! Meine Arbeit hat sich ausgezahlt, die Überstunden, dass ich auch im Urlaub erreichbar war, dass ich mich über das Normale hinaus engagiert habe. Ich kann stolz auf mich sein. Jetzt habe ich mehr Verantwortung, bin dort im Ausland viel selbständiger als bisher und habe dann im Lebenslauf etwas vorzuweisen, was nicht jeder hat. Super!“

“Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn“, hören wir von Paulus, dem Apostel.

So wenig passt das, was Paulus sagt, in unsere Welt. Wir rühmen uns lieber unserer selbst. Wir werden dazu trainiert, uns gut darzustellen, uns blendend zu verkaufen und andere von uns zu überzeugen. Ohne das geht es gar nicht. Wer nicht auf sich aufmerksam macht, wer nicht heraussticht und besser als die anderen ist, der bringt es nicht weit. Er oder sie wird schnell zum Verlierer.

So wie die Menschen, die Paulus vor Augen hat. Er wendet sich an die anderen, die nicht gewonnen haben. Er meint die, die weder klug noch weise sind, diejenigen, die anderen nichts zu sagen haben und die keiner kennt. Diejenigen, die übersehen werden, weil nichts Besonderes an ihnen ist, und die, auf die andere herabsehen, weil sie es zu nichts gebracht haben. Sie machen die Gemeinde in der großen Hafenstadt Korinth aus. Der einzige, der auf diese Menschen aufmerksam geworden ist, ist Gott. Er beruft sie, damit sie seine Gemeinde bilden. Und merkwürdigerweise sind sie, gerade sie, Gott recht.

Paulus beschreibt in seinem Ersten Brief an die Gemeinde in Korinth die Berufung in die Gemeinschaft mit diesen Worten:

Seht doch, Brüder und Schwestern, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt, was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas ist, auf dass sich kein Mensch vor Gott rühme. Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der für uns zur Weisheit wurde durch Gott und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, auf dass gilt, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22-23): »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!« (1.Korinther 1,26-31 in der Lutherübersetzung von 2017)

Zwei Welten, zwei Lebensentwürfe. Die Welt, in der wir leben, in der alles auf Leistung aufbaut. Daneben die Welt, die Paulus skizziert, in der es um die Berufung durch Gott geht. Wer an Gott glaubt, muss nicht alles selbst machen und herstellen, sondern bekommt das für sein Leben Entscheidende von Gott geschenkt. Paulus umreißt es mit den vier Worten: Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung. All das kommt von Gott her.

Sind wir berufen? Gehören wir in diese Welt hinein, die Paulus uns vor Augen malt? Haben wir Zugang zu ihr? Ich verstehe Paulus so, dass er, wenn er an die Christen und Christinnen in Korinth schreibt, nicht nur sie im Blick hat, sondern auch die Christen in den anderen Gemeinden, die er kennt. Über den Graben der Zeit hinweg sind diese Worte auch an uns heute gerichtet und wollen uns berühren und nahe kommen. So wage ich es, sie auf uns zu beziehen, die wir uns in diesem beginnenden Jahr 2018 zur Gemeinde halten. Wahrscheinlich stimmen nicht alle Details, wahrscheinlich sind unter uns auch Menschen, die angesehen sind und es in ihrem Leben zu etwas gebracht haben. Aber mir geht es um die Zielrichtung von dem, was Paulus sagt: Gott hat uns zum Glauben gerufen, und dabei interessiert ihn nicht, was wir darstellen und wer wir sind. Er will, dass wir zu ihm gehören.

Wir sind „in Christus“, so nennt es Paulus. Das klingt wie ein besonderer Raum, in den wir eingetreten sind. Oder, um es anders zu beschreiben: Wir sind eins mit Jesus Christus, ein Leib, so wie wir es im Abendmahl erleben. Wir gehören zu ihm und er zu uns. Ich habe Anteil an Christi Weisheit. Ich bin durch ihn gerechtfertigt. Ich muss mich nicht selbst anstrengen, um vor mir und vor anderen zu bestehen. Der Sinn meines Lebens wird mir geschenkt: Ich bin geliebt, so, wie ich bin. Ich bin davon erlöst, alles selbst zu machen und zu verantworten. Ein anderer hat es mir abgenommen, Jesus Christus. Er ist für mich in den Tod gegangen und auferstanden.

Hält das der Probe aufs Exempel stand? Trägt mich das im neuen Jahr? Ich werde weiter in dieser Welt leben. Ich werde weiter mit ihren Werten und ihren Herausforderungen umgehen und in ihnen bestehen müssen. Aber Paulus erinnert mich daran, dass das nicht alles ist. Es gibt daneben eine andere Welt, in der Gottes Werte gelten. In ihr bin ich berufen, gerechtfertigt und erlöst. Das ist unabhängig von dem, was ich schaffe und erreiche.

Ich bin, wir Christinnen und Christen sind in beiden Welten zuhause. Wir leben, bildlich gesprochen, im Spagat: mit einem Bein im Hier und Jetzt, mit dem anderen Bein in Gottes Reich. Eine Welt ergänzt und korrigiert die andere. Nein, ich brauche nicht alle Verrenkungen mitzumachen, muss nicht den größten Flachbildschirm und das neueste Handy haben, nicht die spektakulärsten Urlaubsfotos vorweisen können oder die meisten Likes auf meiner Facebookseite. Gott ist das egal. Aber natürlich lebe ich jetzt und bin darauf angewiesen, dass andere Menschen mich achten, mögen und lieben. Ich muss dafür sorgen, dass ich meinen Lebensunterhalt verdiene und ein Dach über dem Kopf habe. Aber mein Leben besteht aus mehr als aus der Sorge um das Alltägliche. Seinen Sinn erhält es durch Gott. Vor ihm möchte und muss ich mich verantworten. Sein Urteil zählt für mich - viel mehr als das Urteil anderer Menschen.

Das zeigt sich konkret darin, dass wir uns in unserer Gemeinde weiter für Flüchtlinge engagieren, obwohl sich die öffentliche Meinung geändert hat. Die Begeisterung über die Flüchtlinge, die vor zwei Jahren dominierte, ist verflogen. Stattdessen hören wir Nachrichten über geplante Abschiebungen, die Begrenzung des Familiennachzugs und über die Gefahr, die von Terrorverdächtigen ausgeht. Wir lassen uns davon nicht beirren. In unserer Gemeinde gibt es nun im dritten Jahr das Internationale Café, in dem Flüchtlinge willkommen sind. Ehrenamtliche helfen ihnen, deutsch zu lernen und unterstützen sie bei Behördengängen und Arztbesuchen. Es ist Arbeit im Kleinen, nichts Spektakuläres, aber ich bin davon überzeugt, dass dieses Engagement Menschen hilft, sich hier in einer für sie fremden Welt zurecht zu finden. Dass sie Vertrauen fassen zu Deutschen und merken, dass es Menschen gibt, die ihnen helfen, hier anzukommen.

Warum wir uns für Flüchtlinge engagieren? Weil das in Gottes Sinne ist. Gott erinnert sein Volk immer wieder daran, dass es selbst erlebt hat, wie es ist, fremd zu sein. Viele Jahre haben sie in Ägypten gelebt, später eine lange Zeit in Babylon. Deshalb sollen die, die an ihn glauben, andere Menschen gut behandeln, wenn sie als Fremde zu ihnen kommen und bei ihnen wohnen. Gott sagt: „Die Fremdlinge sollst du nicht bedrängen und bedrücken, denn ihr seid auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen“ (2.Mose 22,20).

So loben wir Gott, unseren Herrn, der uns Mut macht, uns für Flüchtlinge einzusetzen. Wir loben unseren Herrn, der uns einen langen Atem gibt, um durchzuhalten. Wir loben unseren Gott, der die Menschen, die seinen Schutz brauchen, in Obhut nimmt.

Amen.