Ich will dir folgen - Predigt zu Lukas 9,57-62 von Michael Nitzke

Ich will dir folgen

57 Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. 58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

59 Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. 60 Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!

61 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind. 62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Liebe Gemeinde,

manchmal nehmen wir den Mund zu voll, dafür sind wir aber oft um eine Ausrede nicht verlegen. Alltägliche Situationen. Auf der einen Seite, höre ich mich sagen: "Ich bin bereit, mich voll und ganz in die Sache reinzuhängen!" und auf der anderen Seite spreche ich viel zu schnell, die Worte: "Im Moment ist es gerade schlecht, aber ein anderes Mal,... jeder Zeit gerne!"

Wie so oft hat sich scheinbar seit den Zeiten der Bibel nicht viel geändert. Und gerade deshalb hat es einen Wert, einmal genau zu fragen, was damals dahinter stand.

Es sind drei kleine Dialoge, wir dürfen da drei Menschen lauschen, und gewinnen einen Einblick nicht nur in diese drei Seelen, sondern erfahren auch etwas über uns selbst.

Die Nachricht hat sich herumgesprochen, da zieht jemand von Dorf zu Dorf, und rüttelt die Menschen auf. Er bringt eine heilsame Unruhe, in das gewohnte Leben der Menschen. Sein Wort hat Kraft, es kann etwas verändern, wer möchte da nicht bei sein. Und auf einmal steht er da, in diesem Dorf, wo sonst nichts passiert. Er ist einfach da, mit seinen Leuten, die im auf Schritt und Tritt folgen. Wie schön wäre es, einfach mit ihnen zu gehen, dabei zu sein, wenn etwas Großes passiert.

Solche Gedanken, mögen dem Mann durch den Kopf gegangen sein, als der allen Mut zusammen nimmt, und zu Jesus sagt: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und wahrscheinlich hat er auch erwartet, dass er mit offenen Armen aufgenommen wird. Jede neue Bewegung ist doch dankbar für Unterstützer. Und wenn sich etwas Großes ereignet, dann werden alle Hände gebraucht.

Und dann die Reaktion des großen Mannes, dem er nacheifern wollte: »Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel ihr Nest; aber der Menschensohn hat keinen Platz, wo er sich hinlegen und ausruhen kann.« (GNB). Man mag sich vorstellen, was in dem Mann vorgegangen ist, als er die Antwort hört. Ein Leben ohne Dach über dem Kopf, kann ich das? Angewiesen sein auf Leute, die mir gnädigerweise einen Platz zum Schlafen geben. Heimatlos, ohne einen Ort, wo ich sicher bin, wo ich auch einfach mal für mich sein kann um abzuschalten? Er hätte es ahnen können. Aber damit hat er nicht gerechnet. Hat er den Mund zu voll genommen? Kann er nicht halten, was er sich vorgenommen hat? Wir wissen es nicht. Vielleicht ist er ja sogar einer von den zweiundsiebzig Jüngern geworden, die Jesus nach diesen Begegnungen ausgeschickt hat, um seine gute Nachricht weiterzutragen. Aber zunächst hat er mit seinem vollmundigen Auftreten, seine eigenen Grenzen erfahren.

Da hört er die Worte die Jesus spricht: Folge mir nach! Aber dieser Ruf gilt nicht ihm, sondern einem anderen. Der wird eingeladen zum großen Abenteuer und nicht erst mit großer Geste abgewiesen. Hat der ein Glück, der arme Kerl hat seinen Vater verloren. Er will ihn vorher ordentlich unter die Erde bringen. Das gebieten nicht nur Sitte und Anstand. Das ist auch ein Ausdruck der Liebe zum Vater, der ihm alles gegeben hat. Und nicht zuletzt ist es auch eine Pflicht, die das religiöse Gesetz auferlegt. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit! Wie kann Jesus so einfach darüber hinweggehen? Nimmt er den armen Kerl nicht ernst? Er will doch mit, er wehrt sich doch gar nicht. Und dann hört er so etwas: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!

Was ist das für ein Reich, das Jesus verkündet, wenn nicht einmal die einfachsten Selbstverständlichkeiten von ihm respektiert werden?

Schon springt ein anderer in die Bresche und drängt sich Jesus geradezu auf. Er spricht fast ohne Punkt und Komma, vielleicht glaubt er dadurch, eine Antwort, wie sie die anderen erhalten haben, zu vermeiden. Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind.

Das ist doch wohl nicht zu viel verlangt, denkt er vielleicht. Das geht doch schnell. So viel Zeit muss doch sein. Dass gebietet doch schon allein die Höflichkeit. Jesus spricht zu ihm in Bildern, wie man es von ihm kennt: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Nicht geschickt für das Reich Gottes! Ich bin sogar sehr geschickt. Ich bin so geschickt, ich kann Dinge, die mancher nicht für möglich hält. Und ich weiß, was sich gehört. Hat denn nicht Mose verkündigt, dass ich meinen Vater und meine Mutter ehren solle? Was gilt den nun im Reich Gottes?

Drei Menschen, von denen damals erzählt wird. Drei Lebensbilder entstehen vor unserem inneren Auge, in die auch unsere Gedanken einfließen. Was verbindet diese drei Menschen? Wir wissen nicht, wie sie sich entschieden haben. Und vielleicht wird das auch deshalb nicht in der Bibel erzählt, damit wir uns in unserem Urteil nicht von ihrer Entscheidung beeinflussen lassen, wenn wir nachdenken, wie wir uns verhalten würden.

Sind wir bereit, für den Glauben an Jesus Christus alles aufzugeben? Da ist das Dach über dem Kopf nur ein Symbol für viele andere Dinge, auf die wir verzichten müssten, und die uns doch so viel Sicherheit geben. Bei Jesus gibt es keine Besitzstandswahrung. Nichts, was irdisch ist, hat bei ihm Bestand. Kann ich alles zurücklassen, was mir einmal wichtig war? Andererseits, wenn ich nicht mal bereit bin, zur Not unter freiem Himmel zu schlafen, wie kann Jesus dann wissen, ob ich bereit bin, seinem Wort zu folgen. Und das hieß doch: Tut Buße, kehrt um, ändert eure Sinne und glaubt an das Evangelium! (nach Mk 1,14).

Bin ich wirklich bereit, mich zu ändern? Oder suche ich nur ein Abenteuer, etwas Abwechslung. Ein bisschen in eine andere Kultur hinein schnuppern. Oder wie man so sagt: "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass!"

Aber wenn ich wirklich bereit bin, in seinem Sinne zu leben, warum soll ich dann meine Familie vor den Kopf stoßen? Warum nicht dem Vater die letzte Ehre erweisen, oder der Mutter Lebewohl sagen?

Natürlich weiß auch Jesus, was sich gehört. Auch er nimmt Abschied von seiner Mutter, als er am Kreuz den Tod schon am eigenen Leid spürte. Er ordnet auch ihre Verhältnisse, und vertraut sie einem Jünger an, dem er vertraut, der sie versorgen und nicht zuletzt seelisch begleiten soll: Siehe, das ist dein Sohn! - Siehe, das ist deine Mutter! (Joh 19,26f)

Aber Jesus testet die Bereitschaft dieser Menschen, im Ernstfall alles stehen zu lassen. Und dazu kommt, dass er genau weiß, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Und wenn er sagt: "Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!", dann kann ich das auch noch anders verstehen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? (Lk 24,5) Das waren die Worte der Engel am leeren Grab, als Jesus schon auferstanden war. Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Bezeugt euren trauernden Familienmitgliedern, dass der Tod ein Schritt zum neuen Leben ist.  Du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Verkündige, dass die frohe Botschaft des Menschensohnes eine Botschaft des Lebens ist. Lasst euch nicht von der Trauer lähmen, so dass ihr selbst wie tot erscheint. Lasst Euch durch Gottes Wort neues Leben schenken, dann werdet ihr auch Eure Toten nicht begraben wie die Toten, sondern ihr werdet sie voller Vertrauen in Gottes Obhut wissen. Ihr werdet wieder Mut zu neuem Leben finden. Zu einem Leben, wie es sich Jesus Christus für euch wünscht. Offen für das, was Gott euch gibt. Offen für die Wege, die er euch eröffnet. Offen für die Liebe, die er euch schenkt.

Diese kleine Episode hat in der Lutherbibel die Überschrift: "Vom Ernst der Nachfolge!"

In unserer Spaßgesellschaft sind wir es kaum noch gewohnt, von Ernst zu reden. Wenig wird überhaupt in unserer Zeit noch ernst genommen. Für viele ist das eine Möglichkeit, die ernsten Dinge zu verdrängen, um überhaupt noch Spaß am Leben zu haben. Aber wenn die Lebensfreude so verblasst ist, dann ist auch schon ernsthaft etwas schief gelaufen. Es gilt, sich dem Leben zu öffnen, und nicht davor wegzulaufen. Wer Jesus nur nachfolgen will, um vor etwas anderem zu fliehen, der ist auf dem falschen Weg.

Die Nachfolge Jesus Christi ist weder der Notausgang vor den ernsten Dingen des Lebens, noch ein Abenteuer nur so zum Spaß! Nachfolge Jesus bedeutet für mich heute, einen Lebensweg zu gehen, auf dem Jesus ohne Bedenken mitgehen könnte. Dieser Weg muss nicht durchgehend traurig sein, aber der Ernst des Lebens kommt schneller als man denkt!

Einen solchen Weg ist Dietrich Bonhoeffer gegangen. Als Sohn aus gutem Hause ist er behütet aufgewachsen und die Welt stand ihm offen. Als Christ sah er, welch schlimmen Weg sein Vaterland nahm.

Nach der Machtergreifung 1933 konnte jedes freie Wort das Leben kosten. Bonhoeffer unterrichte wenige Jahre später noch angehende Pfarrer und stand damit schon in der Illegalität. Eine seiner wesentlichen Vorlesungen hatte den Titel "Nachfolge". Darin kommt auch unsere Geschichte vor. Bonhoeffer erklärt den jungen Theologen, was dieser Ruf Jesu in die Nachfolge bedeutet: "Wen er rief, dem war damit gesagt, dass für ihn nur noch eine einzige Möglichkeit des Glaubens an Jesus besteht, nämlich die, dass er alles verlässt und mit dem menschgewordenen Sohn Gottes geht.

Mit dem ersten Schritt ist der Nachfolgende in die Situation gestellt, glauben zu können. Folgt er nicht, bleibt er zurück, so lernt er nicht glauben."1

Bonhoeffer sollte noch die Wahrheit seiner eigenen Worte besonders erfahren. Er kämpfte für den Glauben. Als dann aber seine mögliche Einberufung zum Militär bevorstand, kam es ihm recht, dass Freunde ihn nach Amerika einluden, dort an einem angesehenen Seminar in New York zu unterrichten. Er nahm die Einladung an und fuhr ins sichere Amerika. Doch dort war er hin und hergerissen, welchen Weg er gehen sollte. Nach langem Nachdenken, ging er den Broadway hinab und betrat in einer Seitenstraße eine Kirche. Dort hörte er einen Prediger, der davon sprach, dass der Mensch Christus ähnlich werden solle, und dass er untadelig sein solle, wie Christus selbst.2 Der tiefe Glaube, der aus diesen Worten sprach hat ihn bewegt. Wenige Tage später, kehrte er zurück nach Deutschland.

Nun spürte er, was er selbst seinen Studenten sagte. Die Nachfolge-Vorlesung hatte als Buch inzwischen viele Menschen in der Kirche bewegt. Bonhoeffer schrieb darin, wie wertvoll das ist, was Christus uns gibt. Die Gnade, die er schenkt, ist keine billige Gnade. Er schreibt: "Billige Gnade ist Predigt der Vergebung ohne Buße, [...] ist Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünden, [...]. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne den lebendigen, menschgewordenen Jesus Christus. [...] Teuer ist die Gnade vor allem darum, weil sie Gott teuer gewesen ist, weil sie Gott das Leben seines Sohnes gekostet hat [...], und weil uns nicht billig sein kann, was Gott teuer ist." 3

Bonhoeffer wusste, dass es etwas kostet, dem Weg Jesu zu folgen. Für ihn kostete es schließlich das Leben. Aber uns allen hat er damit gezeigt, was es heißt, ein aufrechter Mensch zu sein.

Nachfolge Jesu Christi heißt nicht genaue Nachahmung seines Weges. Auch der Weg Bonhoeffers kann nicht der Weg jedes Christen sein. Wir müssen alle unser Kreuz auf uns nehmen. (Lk 9,23) Aber auch wirklich unser Kreuz, nicht sein Kreuz oder das eines derer, die ihm gefolgt sind. Wir müssen erkennen, was von uns ganz persönlich gefordert ist, wie wir die besonderen Aufgaben lösen, die uns individuell gestellt sind, und was wir in dieser Situation dazu beitragen können, in der Welt das Licht Jesus Christi zum Leuchten zu bringen.

Und Jesus hilft uns bei diesem Weg. Er hilft uns mit seinen eigenen Worten, die uns doch oft so fremd erschienen. 62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

So ein antiker Pflug ist heute vielen fremd. Aber beim Pflügen kommt es darauf an, eine gerade Linie zu ziehen, um den Platz auf dem Feld auszunutzen, damit viel Getreide darauf wachsen kann. Bei dieser Arbeit kann man sich nicht umdrehen, dann wird unweigerlich die Furche krumm und schief. Genauso wenig hilft es nicht, nur in die Ferne zu schauen. Beim Flügen, muss ich nur den kleinen Bereich vor meinen Füßen im Blick haben, dann wird sich eine gezogene Linie harmonisch an die andere anfügen.

Im übertragenen Sinne heißt das für mich: Wenn ich dem Weg Jesu folge, darf ich nicht zurückschauen, ich darf mich nicht an die Vergangenheit klammern und ihr nachtrauern. Ich darf aber auch nicht das erblicken wollen, was ich noch gar nicht sehen kann. Ich darf nicht zu weit nach vorn schauen, das heißt, ich brauche keine Angst vor der Zukunft zu haben. Wenn ich nur vor meine Füße schaue, dann kann ich Schritt für Schritt meinen Weg gehen. Und dann darf ich sicher sein, dass Jesus mich begleitet, wenn ich seinem Weg folge. So werde ich auch die Aufgaben, die am Wegesrand auf mich warten erkennen und mit seiner Hilfe bewältigen. Amen.

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Anmerkungen:

1 Dietrich Bonhoeffer Auswahl, Hg. von Christian Gremmels und Wolfgang Huber, Bd. 3. Gütersloh 2006. IV. Nachfolge, S. 125.

2 Eric Metaxas, Bonhoeffer, Holzgerlingen 2011, S. 412f.

3 Nachfolge, S. 111.