Gottverlassene Landschaften? – Predigt zu 2. Korinther 6,1-10 von Frank-Nico Jaeger

Mitten auf dem Weg von Istanbul nach Paris stoppt eine Lawine unvermittelt den Orient Express. Kurz davor ist ein Mord geschehen. Niemand kann den Zug verlassen, der Mörder ist also noch an Bord. Aber, Agatha Christie sei Dank, mit dabei ist auch ein ganz besonderer Mann: Hercule Poirot. Der belgische Meisterdetektiv ist zur rechten Zeit, am rechten Ort. Er ist ein tugendhafter Mann. Er ist geradlinig, klar und kommt ohne Umschweife auf den Punkt. Der Mann mit dem überbordend großen Bart mag es einfach, klar und deutlich.

Sein Credo lautet: „Egal was die Menschen sagen: Es gibt richtig, es gibt falsch. Nichts dazwischen.“

Hercule Poirot hat es gut. Er hat nicht nur einen scharfen Verstand, er hat auch ein paar ausgesprochen nützliche Fähigkeiten mitbekommen: Er ist ein kompromissloser Mann. Seine gerade, klare Art bringt ihm nicht nur Freunde ein. Das juckt ihn aber nicht, denn immerhin sei er nun in einem Alter, in dem er nicht mehr allen gefallen will, sondern lieber die Dinge tut, die ihm wirklich Freude bereiten.

Es ist ein Auftritt mit viel Grandezza und in allem was er tut, ist Hercule Poirot so kontrolliert und formvollendet, dass beinahe alles an ihm abperlen kann.

Am Apostel Paulus perlt nicht viel ab. Aber der Meisterdetektiv und er teilen sich die Tatsache, dass es einige Menschen gibt, die ihre Person nicht mögen. Ansonsten ist Paulus weder ähnlich kontrolliert, noch ist er übermäßig einfühlsam. Vielmehr poltert er durch seine antike Welt. Gründet euphorisch Gemeinden und ist doch mehr ein Getriebener als ein Flaneur. Aber was für Hercule Poirot gilt, gilt auch für den wahrscheinlich größten Apostel aller Zeiten: Es ist nicht leicht Paulus zu sein.

Immerhin: Auch der Apostel geht kompromisslos seinen Weg und er ist einer an dem man sich reiben kann, weil er eine Meinung hat und diese auch gerne kundtut. Und so wie der fiktive Meisterdetektiv hat Paulus eben nicht nur Bewunderer.

Das erlebt Paulus schmerzhaft in Korinth. Hier gibt es Enttäuschungen auf beiden Seiten. Verletzte Gefühle, unerfüllte Hoffnungen. Kurzum: Es bröckelt an den Rändern und Paulus ist gezwungen zuzusehen, wie sein Werk seinen Händen entgleitet. Die Zugkraft des Apostels hat deutlich gelitten, der Apostel-Zug steht nicht mehr ganz so unter Dampf wie zu Beginn seines Wirkens. (Beispiele aus unserer Zeit mögen uns spontan einfallen.) Was auch immer man Paulus vorwerfen kann, die Korinther tun es: Seine Gegner glauben ihm nicht, zweifeln an seiner Autorität, werfen ihm auch noch vor, dass er Gelder veruntreut haben soll. Aber am schwersten wiegt wohl der Vorwurf, dass nichts passiert. Die Welt hat sich nicht geändert in Korinth. Das Böse triumphiert nach wie vor und Paulus predigt bloß einen Vertröster. Jesus Christus, Gottes Sohn, ist bloß eine Illusion - so lauten die für viele attraktiven Parolen seiner Gegner.

Das geht natürlich zu weit und der wahrscheinlich größte Apostel der Welt, muss sich zur Wehr setzen: „In großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, gar in Mühen“ schreibt Paulus, bin ich standhaft gewesen. Warum sollte ich das tun, wenn nicht aus tiefstem Glauben an diesen Gott heraus?

Weiß Gott! Paulus ist nicht perfekt. Er weiß, dass er ein Sünder ist: Er hat im Leben viel falsch gemacht, Menschen verfolgt, sie drangsaliert. Er hat ihnen ihre Würde genommen und zu Tode gebracht. Weiß Gott, Paulus ist kein unbeschriebenes Blatt. Dass er als allererster der Gnade und der Vergebung bedarf, das weiß er. Und er weiß, dass diese Gnade allen zuteilwerden wird und dass das alles verändert. Bis dahin braucht es halt noch etwas Geduld.

Geduld - daran hapert es in Korinth und daran mangelt es jetzt auch im so plötzlich gestoppten Orient Express. Und in dieser erzwungenen Pause fallen nach und nach die Masken der einzelnen Reisenden. Die Euphorie der Abfahrt ist längst zugeschneit. Die Zeit wird zu lang. Alle fallen aus ihren Rollen.

So zurückgeworfen auf sich, inmitten einer gottverlassenen Landschaft, voller Eis und Schnee, ist es nicht leicht, die Hoffnung zu bewahren. Allzumal die verdorbene Welt Einzug in die Welt der Reisenden gehalten hat. Und als wäre die Geduld der Reisenden nicht schon durch die mehr als widrigen Umstände arg genug strapaziert, kommt noch hinzu, dass es wohl nicht mehr gelingen wird andere Züge und Passagen zu erwischen, um an ein ferneres Ziel zu gelangen. Der Geduldsfaden der Reisenden ist arg strapaziert.

Der feststeckende Zug, der im Film kurioserweise mitten auf einer langen Holzbrücke halten muss, die verkommene Welt, die Last mit der Geduld - ähnlich ist es in Korinth.Auch hier bewegt sich nichts mehr, die Gemeinde steckt fest. Die Stimmung gegenüber Paulus und seiner Botschaft ist abgekühlt. Auch hier ist den Menschen der Geduldsfaden gerissen. Nicht zuletzt wird die Zahl derer, die dem Apostel und seiner Predigt glauben, stetig weniger.

Verständlich? Wahrscheinlich schon. Denn das Leben als Christ ist kein Selbstläufer. Es bewahrt nicht vor Leiden, nicht vor Ängsten, nicht vor Bedrängnis. In manchen Gegenden auf dieser Welt schützt es auch nicht vor Gefängnis oder Folter. Es wehrt nicht mal Krankheiten ab oder bewahrt einen davor, dass geliebte Menschen sterben müssen.

Ein Christenmensch zu sein bewahrt mich auch nicht vor Enttäuschungen. Oder davor selbst andere zu enttäuschen.

Als Christ bin ich qua Amt kein besserer Mensch, ich mache weiterhin Fehler, erlebe genauso viele schlechte Tage, wie alle Menschen und spüre nicht immer die Liebe Gottes wie einen Platzregen über mir. Es gibt auch bei Christen Streit unter Freunden, Streit in der Ehe und es gibt Streit unter Kollegen. Die christliche Welt ist nicht einfach nur eine bessere Welt,  weil sie von Christen bevölkert wird.

Christsein ist kein Selbstläufer und wenn man mir bloß Durchhalteparolen verkündigt, dann ist es schwer, bei der Stange zu bleiben. Es braucht gute Beispiele, standhafte Menschen, Leute, an denen man sich ausrichten kann. In schweren Zeiten sind das die Anker, die ein wankendes Glaubensschiff vor dem Kentern bewahren.

Paulus ist so ein Typ. Er hat Ecken und Kanten und redet seinen Gegnern nicht nach dem Mund. Er weiß um die Abgründe, um das Leid. Er hat es selbst erlebt, aber er glaubt diesem Gott immer noch. Er hat Geduld bewiesen. Geduld im Leid und Geduld in der Anfechtung. Gewiss, es wäre bestimmt bequemer gewesen auf einfachere Angebote zu verfallen. So wie die Korinther. Den mühsamen Weg verlassen und es sich gut gehen lassen.In Korinth wollte man auf nichts verzichten: Nicht auf die Huren am Tempel der Aphrodite, nicht auf das Heiligtum des Poseidon, nicht auf die Vielgötterei und schon gar nicht wollte man das eigene Wohlergehen aus dem Blick verlieren (Vgl. Dr. M. Hohmann in: GPM IV. Reihe, 1994, Heft 2, S. 119).Und das Ende vom Lied: Auf so einer Party hat es Paulus naturgemäß schwer, denn das was er da sagt, gehört doch wohl eher zum Sprachschatz eines Spielverderbers.Wer bitteschön möchte denn etwas über Angst, Not und Trübsal hören, wenn gerade eine Orgie am Tempel der Aphrodite steigen soll.Also lieber einfache Antworten auf schwierige Fragen geben und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Wo das endet, kann man in Korinth studieren.

Paulus und Poirot. Zwei sehr gute Beispiele für Beharrlichkeit und Standhaftigkeit auch unter widrigen Bedingungen. Der einzige Haken an der ganzen Sache ist, dass Hercule Poirot nicht existiert, zumindest nicht im wahren Leben. Er ist eine Erfindung der Schriftstellerin Agatha Christie und damit nur ein ausgedachter Einspruch gegen eine schlechte Welt.

Paulus ist nicht erfunden. Er und seine Gedanken lassen sich auch nicht so einfach beseitigen. Die Korinther haben das erfahren und in seinen Briefen verkörpert er weiterhin den Einspruch Gottes gegen eine Welt, die in manchen Teilen fertig ist mit ihm. Der Apostel ist Gottes Art, der alten Welt, mit all der Trübsal, den Nöten, Ängsten und Schlägen und den Mühen und ihren ätzenden Mechanismen zu widersprechen. Er ist das beste Beispiel dafür, dass Widerstand gegen die Gleichgültigkeit und das Festhalten an Gottes Treue nicht sinnlos sind.

Oder wie Hercule Poirot sagen würde, es kommt auf uns an, in dieser Welt den Unterschied zu machen.