Ein Streit – Jesus klärt – ein Wunder – und heute? – Predigt zu Markus 9,14-27 von Paul Geiß

Bitte Text laut und dramatisch deklamieren!

 

Jesus mit Petrus, Jakobus und Johannes, sie kommen vom Berg der Verklärung

Und sie kamen zu den Jüngern und sahen eine große Menge um sie herum und Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten. Und sobald die Menge ihn sah, entsetzten sich alle, liefen herbei und grüßten ihn. Und er fragte sie: Was streitet ihr mit ihnen? Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist. Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn zu Boden; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten's nicht.

Er antwortete ihnen aber und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir!

Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riss er ihn hin und her. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund.

Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist's, dass ihm das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf. Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!

Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Als nun Jesus sah, dass die Menge zusammenlief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein! Da schrie er und riss ihn heftig hin und her und fuhr aus. Und er lag da wie tot, sodass alle sagten: Er ist tot. Jesus aber ergriff seine Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.(Markus 9-14-27)

Liebe Gemeinde,

so eine Geschichte kann man nur dramatisch vorlesen, langsam, mit Spannung, mit klaren Betonungen bis zum Höhepunkt – Ein Wunder. Sie haben es ja gehört!

Jesus kommt mit Petrus, Jakobus und Johannes vom Berg herunter. Die drei Jünger um Jesus haben ein verstörendes Erlebnis gehabt, Jesus wurde verklärt, es erschien ihnen ein strahlender Jesus, dazu Moses und Elia und alle drei unterhielten sich bis zu der irritierenden Stimme Gottes, die den drei Jüngern verständlich sagte: Dies ist mein lieber Sohn, den sollt ihr hören. Von diesem Erlebnis mit Jesus kamen die Jünger. Und was fanden sie vor?

Eine Menschenmenge, die sich mit den Schriftgelehrten stritt. Die Schriftgelehrten erscheinen in den Evangelien oft als die Besserwisser, als die Verteidiger der jüdischen Glaubensvorstellungen, die sich mit Jesus, mit seinen Reden und Belehrungen kritisch auseinandersetzen. Selbstverständlich sind sie jetzt auch Jesus gegenüber  besonders kritisch. Gottes Sohn? Sicher nicht. Der Messias? Der muss doch ganz anders kommen. Nein, Jesus und seine Jünger sind ihnen einfach suspekt.

Sie streiten sich und der Vater eines an Epilepsie kranken Jungen ist dabei. Er sucht Hilfe. Die anderen Jünger Jesu, die heftig mitdebattierten, konnten nicht helfen.

Es muss ein mächtiges Geschrei gewesen sein, fast so wie in einer Talkrunde, wo jeder gegen jeden und durcheinander redet, bis die Moderatorin eingreift.

Und da erscheint er, Jesus, gerade noch hat er mit Petrus, Jakobus und Johannes etwas Wunderbares auf dem Berg erlebt. Die drei Jünger müssen noch ziemlich verwirrt sein.

Da kommt schon die nächste Aufgabe auf Jesus zu. Jesus fragt, worüber sich die Menschen in die Haare kriegen. Ein Mann beschwert sich, dass die Jünger Jesu nicht helfen können. Er hat einen kranken Sohn. Der hat epileptische Anfälle, - heute eine Krankheit, die man behandeln und deren anfallartige Ausprägung man reduzieren kann.

Ich habe einige Zeit im Rahmen eines Praktikums in Bethel gearbeitet mit älteren kranken Patienten, die auch epileptische Anfälle hatten. Das ist schon dramatisch, wenn man so einen Grand Mal - Anfall, ein großes Anfallsereignis, miterlebt. Ohne besondere Ankündigung fällt der Kranke hin auf den Boden, zuckt mit den Gliedern, Schaum vor dem Mund, man kann ihn nur liebevoll beruhigen, aber das gelingt manchmal nicht, weil der Patient in seinem Anfall ungeahnte Kräfte aufbringen kann. Also muss man versuchen, den Patienten so zu lagern, dass er sich nicht verletzt, einen Arzt holen und den Anfall sich austoben lassen. Der Patient hat später kaum noch eine Erinnerung an den Anfall.

Früher dachte man: Da ist ein Dämon in den Kranken gefahren, der ihn quält. Friedrich von Bodelschwingh nahm diese Menschen in die im 19. Jahrhundert von ihm gegründeten Anstalten in Bethel bei Bielefeld auf und versuchte mit den damals modernen Methoden, den Kranken zu helfen. Auch heute ist Bethel eine Einrichtung der evangelischen Kirche, in der modernste Epilepsieforschung betrieben wird und alle medikamentösen und therapeutischen Maßnahmen zur Hilfe eingesetzt werden.

Zurück zu Jesus: Er lässt sich berichten, was dem Jungen geschehen ist. Der verzweifelte Vater erzählt. Der Junge wird von diesen Anfällen gequält.  Er fällt auf den Boden, verletzt sich.

Jeder, der in seiner Familie und in seiner Verwandtschaft einen behinderten Angehörigen hat, weiß, was das für eine Belastung ist. Wie man versucht, eine gewisse Normalität aufrecht zu erhalten, wie man versucht, beizustehen, zu helfen, die Last gemeinsam zu tragen und dem Betroffenen die bestmögliche Behandlung angedeihen zu lassen. Da kommen Eltern und Angehörige immer wieder an ihre Grenzen und sind oft genug verzweifelt.

Zum Glück gibt es in unserem Staat auch von Krankenhäusern, Krankenkassen, sozialen und kirchlichen Einrichtungen Hilfsangebote, so dass man nicht ganz allein ist und sich Hilfe holen kann. Dennoch, es ist eine schwere Aufgabe, mit einer solchen Krankheit ins Reine zu kommen.

Nun: Jesus lässt sich auf ein Gespräch ein. Er fragt, der Vater antwortet, er seufzt, weil die Menschen ihm offenbar nichts zutrauen.

Schließlich schreit der Vater ihn an in all seiner Verzweiflung. Hören Sie noch einmal den Bibeltext:

Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!  Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Das ist der Höhepunkt der Geschichte, der Mann schreit Jesus an. So muss man manchmal seine Not ausdrücken, wenn die Umgebung nichts merkt und nicht reagiert. Der Mann ist verzweifelt. Der Sohn liegt ihm am Herzen. Jahrelang hat er sich mit der Krankheit auseinandersetzen müssen und niemand hat ihm helfen können. Jesus ist seine Hoffnung.

Und Jesus hilft.

Er heilt den Jungen, er erfüllt die verzweifelte Sehnsucht des Vaters, ob wir es glauben oder nicht. Er hilft.

Und wir heute?

Mich spricht dieser ehrliche Vater an. Er wendet sich an einen möglichen Helfer und will einerseits glauben, andererseits quält ihn sein Zweifel, sein Unglauben.

In einem Krimi las ich kürzlich den paradox klingenden Satz: „Sie glaubte ja nicht an Gott, dennoch dankte sie ihm, das xxx gestorben war, ohne je die Wahrheit zu erfahren.“ Ist es nicht paradox, dass jemand, der nicht an Gott zu glaubt, Gott dankt in einer ganz persönlichen intimen Sekunde, in der sich eine Katastrophe anbahnt?

Diese Haltung ist verbreiteter, als man denkt, Unglaube, Zweifel und Glaube gleichzeitig nebeneinander. Eine Umfrage hat ergeben, dass etwa vierzig Prozent der Menschen, die sich selbst als ungläubig bezeichnen, in Krisensituationen zu Gott beten. Man braucht offenbar eine Instanz, die menschliches Begreifen übersteigt, an die man sich wendet, wenn es darauf ankommt.

Also war auch in dem Vater ein Rest von Glauben vorhanden, der es ihm ermöglichte, sich doch an Jesus zu wenden, an eine Instanz, die mit Reden und Wundern menschliches Begreifen übersteigt.

Und Jesus hilft.

Für mich hat der Vater den Urtext der christlichen Barmherzigkeitslehre geliefert: Herr Jesus Christus, erbarme Dich meiner, erbarme Dich unser, Kyrie eleison. In jedem Gottesdienst ist diese Formulierung am Ende des Sündenbekenntnisses vorgesehen.

Herr, erbarme Dich. In der orthodoxen Gottesdienstliturgie kommt er manchmal mechanisch wiederholt hundertfach vor, bei uns eben meistens noch einmal im Fürbittengebet.

(Und ich selbst kann eigentlich nur in der priesterlichen Vollmacht predigen, wenn ich mir diese Bitte immer wieder zu eigen machen).

Gott, erbarme Dich, Christus, erbarme Dich, Gott erbarme Dich.

Dieser Schrei des gepeinigten Vaters, er geht mir durch und durch, weil ich aus meinen Erfahrungen und aus der Seelsorge die Not solcher Eltern kenne.

Und Jesus hilft. Hilft er auch heute?

Wir können nicht immer Wunder erwarten, aber wir können unsere Angst und innere Not aussprechen, Hilfe suchen, Ärztinnen und Ärzte finden, die etwas von solchen Krankheiten verstehen und die bestmögliche Behandlung einleiten. Manchmal muss man sich wirklich aufraffen dazu, Hilfe zu suchen, nicht mit seinen Sorgen und Problemen allein zu bleiben und nach außen versuchen, den Schein zu wahren.

Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben. Reden, andere ansprechen, einen Arzt oder eine Seelsorgerin aufsuchen, sich mutig Beistand erbitten, auch Enttäuschungen wegstecken. Insofern ist diese dramatische Geschichte auch eine Aufforderung an uns, uns mit unseren Fragen und Problemen nicht nur selbst zu quälen, sondern kompetente Hilfe zu entdecken und einzufordern.

Und dann kann vielleicht auch für unsere Sorgen, Nöte, Krankheiten, Verzweiflungen ein Wunder geschehen, denn Jesus hilft. Vielleicht nicht so, wie wir es erwarten, aber er hilft, damit fertig zu werden. Davon bin ich trotz mancher Zweifel überzeugt.

Mich lässt der dramatische Schrei dieses Vaters nicht los und die rettende Tat von Jesus rührt mich im Innersten an.

Hören Sie es noch einmal im Original:

Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns! Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Ich wiederhole es noch einmal, dieses wunderbare Jesus-Wort:

Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Versuchen wir es doch einfach mal, immer wieder unter der Voraussetzung der Gebetsbitte: Herr, erbarme Dich!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. AMEN.