Bei mir bist du schön! – Predigt zu 2. Korinther 4,16-18 von Rudolf Rengstorf

Liebe Gemeinde,

Jubilate heißt dieser Sonntag. Also: Jubelt, jauchzt! Zeigt doch, was an Freude und Begeisterung in euch drinsteckt. Lasst sie raus!

Doch Jubelstürme kenne ich eigentlich nur aus Fußballstadien oder bei Popkonzerten. Die Kirche dagegen ist ein Raum, indem man schon beim Eintreten die Stimme dämpft. Und wer das nicht tut, wird  zumindest vorwurfsvoll angeblickt.

Ich finde das auch völlig in Ordnung. Denn zum einen ist dieser Ort dazu da, dass Menschen zur Ruhe kommen und in sich gehen, Verbindung aufnehmen können mit dem, was sie im Innersten bewegt, ins Gebet finden können. Und zum anderen wird uns hier mit der Gestalt des Gekreuzigten vor Augen geführt, was nicht nur diesen Menschen getroffen hat. Täglich fallen Menschen Terror und Krieg zum Opfer, und unter uns verbreitet das Angst und Sorge. Zugleich aber sind da aber auch die Blumen und brennende Kerzen auf dem Altar, farbige Glasfenster, ein Raum, der nicht bedrückt, sondern aufatmen lässt, den die Orgel mit Musik erfüllt und die schweigsam Dasitzenden zum Singen anstiftet. Denn an diesem Ort soll deutlich werden, dass Leiden und Tod nicht das letzte Wort behalten, dass eine Gegenmacht am Werk ist, die sich uns mitteilen, uns innerlich auf die Beine bringen will, damit wir angehen gegen das, was niederdrückt und mutlos macht.

Darum Jubilate! Nicht etwa, weil alles so herrlich ist, wir vor Kraft nur so strotzen  und  sozusagen von einem Torerfolg zum nächsten stürmen. Da kommt das Jubeln von selbst. Nein, die Aufforderung zum Jubeln deshalb, weil allen Niederlangen, allem Leid, allem Sterben zum Trotz da etwas lebendig ist, was den Sieg behalten wird und uns dabei mitnimmt. Deshalb – und sei es unter Tränen – Jubilate!

Davon ist  natürlich auch  in der Bibelstelle die Rede, über die heute gepredigt werden soll. Es sind wenige Sätze aus dem zweiten Brief, den Paulus an die Gemeinde in Korinth geschrieben hat:

Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Bedrängnis, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig. (2. Korinther 4,16-18)

Nein, Beifallsstürme  lösen diese Sätze nicht aus, sondern  eher schon  ein Gähnen. Sind das nicht  olle Kamellen: dass das Innere des Menschen viel  wichtiger und wertvoller ist als das Äußere und die ewige Herrlichkeit  entschädigen wird für zeitliches Leiden? Das sind doch ganz und gar ungedeckte Scchecks, die immer wieder dazu herhalten mussten, die Unterdrückten und Ausgebeuteten, die Verdammten dieser Erde zu beschwichtigen und sie auf  einen Ausgleich im Jenseits zu vertrösten. Nein , lieber Paulus, wir gehören nicht zu denen, die nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Diese sichtbare Welt mit ihrer Schönheit und ihren Schrecken, sie hält unsere Blicke und Herzen fest, und wir konne uns nicht lösen von der Bilderflut, die täglich auf uns einströmt. Und  wir können auch nichts anfangen mit deiner Behauptung, dass  wenn der äußere Mensch verfällt, der innere von Tag zu Tag eneuert wird. Das Elend von Demenz und Alzheimer hast du natürlich noch nicht gekannt, aber wir. Und auch wenn wir bei klaren Sinnen sind, kann einem das Älterwerdem mit dem  Nachlassen der korperlichen Kräfte, mit der zunehmenden Anfälligkeit für Krankheiten, dem  ständigen Angewiesensein auf Medikamente  und zuverlässige ärztliche Betreuung enorm zu schaffen machen. Zumal die Älteren in unserer Gesellschaft rapide an Wert und Ansehen verlieren und auf  mögliche innere Erneuerungsprozesse in keiner Weise geachtet wird. Nee, Paulus, zum Jubeln ist da gar nichts!

Derartige Einwände haben den Paulus allerdings nicht aus dem Konzept gebracht. Überhaupt nicht. Als er  diese Sätze schrieb, saß er im Gefängnis. Er hatte gerade Besuch bekommen aus seiner Gemeinde in Korinth. Und die hatten ihm vorgehalten: Was haben wir von einem Leben, das erst nach  dem  Tode kommt. Wir wollen Auferstehung jetzt! Was haben wir von einem  Herrn,  der  am Kreuz gescheitert ist und von einem Apostel, der nicht  loskommt von seiner Epilepsie und seinem ermüdenden Predigtstil? Wir wollen Erfolge sehen. Wir wollen eine Gemeinde  sein,  die Ansehen genießt und die dem Glücksverlangen der Menschen entgegenkommt. Wir wollen einen Glauben, der die Menschen stärkt, begeistert,  beflügelt.

Und nun ist das Merkwürdige: Paulus sagt nicht: Ihr  Korinther mögt  ja  denken und glauben, was ihr wollt: Ich aber bleibe dabei und  lasse  mich nicht entmutigen. Statt dessen schreibt er: W i r werden  nicht  müde,  mögen wir nach außen hin auch aufgerieben werden, von innen her bekommen wir täglich neue Kraft. Wir sehen nicht auf das, was  vor  Augen  ist, sondern lassen uns leiten vom Unsichtbaren. Also: All  das,  wovon ihr nichts mehr wissen wollt oder was ihr zumindest in Zweifel  zieht  -  auch ihr hier in der Christuskirche - all das ist nach wie von  in  euch lebendig. Und es ist nichts als Selbsttäuschung, wenn ihr abwinkt und sagt: Alles überholter  Kram!

Es  stimmt  doch gar nicht, dass ihr nur seid, was ihr nach außen hin   darstellt  und was man an euch sehen, einschätzen, beurteilen  kann. Ihr habt doch allen Grund, hellwach dafür zu sein,  dass Liebe und Wertschätzung euch großgemacht  haben und euer Selbstvertrauen bis heute davon lebt, dass euer Leben Sinn hat und es gut ist, dass ihr da seid. Wir leben von   dem,  was an guten Erinnerungen und  unbändiger Hoffnung in uns lebendig ist und  täglich von neuem mit uns aufwacht.

- Da  mogen wir uns noch so sehr umstellen mit Bildern von Stärke, Erfolg  und Schönheit, geprägt sind wir doch von ganz anderen Erfahrungen:  davon,  dass verletzliche und einfühlsame Menschen stark und   vorbildlich  darin  waren und es immer noch sind,  uns mit unseren Schwächen, Niederlagen und   Minderwertigkeitsgefühlen  anzunehmen und aufzubauen.

Es ist doch nicht wahr, dass wir einen Menschen nur danach beurteilen,   was  er  aufzuweisen  hat an Geld, an zählbaren Leistungen und an attraktivem Äußeren. Denkt doch nur an die Umsicht und die Sensibilität, mit der ihr mit behinderten Angehörogen umgeht. Und bleibt um Gottes Willen wach dafür,, wie sehr die Betreuten in Wiedereingliederungs- und Pflegeheimen von  Pflegekräften leben. Deren Kraft zur Pflege  doch nicht nur vom bescheidenen Einkommen,kommt, sondern von Nächstenliebe,, Humor und Wertschätzung.. Und sind es   nicht  gerade  solche Menschen, deren Nähe wir suchen, weil sie einen

Halt  geben,  den  auch die glanzvollsten Schätze und die renommiertesten   Clubs nicht zu bieten vermögen?

Dieses Ich in uns, sagt Paulus seinen von der Hochglanzwelt geblendeten Korinthern und ebenso uns,  dieser Schönheitssinn, der ohne unser Zutun in uns hineingelegt ist und uns erst zu einmaligen und unverwechselbaren Menschen macht, dieser Schatz hat unsere ganze Aufmerksamkeit verdient.  Denn  er  ist das Lebenszeichen Gottes in uns. Darin zeigt sich, dass seine Liebe nicht gestorben, sondern auferstanden ist und uns anspricht mit den Worten: Bei mir bist du schön und bleibst du schön in Ewigkeit. Amen.